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Jan

BIG-Appetizer: John Bryant

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir Euch den Text zu John Bryant aus BIG #69.

John Bryant wurde 2012 und 2013 BBL-MVP und 2014 mit dem FC Bayern München Deutscher Meister. Danach ging es mit der Karriere des 2,11-Meter-Centers bergab. Wegen Gewichtsproblemen stand der 30-Jährige zu Beginn des Kalenderjahres sogar ohne Verein da. Was ist vom neuen Big Man der GIESSEN 46ers in Zukunft zu erwarten? Text: Alexander Büge.

Zufriedenheit im Münchener Audi Dome. Das erste Halbfinalspiel der Playoffs 2014 gegen die EWE Baskets Oldenburg wurde mit 85:67 gewonnen. Die Bayern wirkten eingespielt und bereit für den ersten Meistertitel seit 1955. Auch deshalb ließ sich Coach Svetislav Pesic an diesem Donnerstagabend zu einem Sonderlob hinreißen. Der Adressat war John Bryant. Sehr gut sei der 2,11-Meter-Center während seines ersten Jahres in München geworden. Dass der 127-Kilo-Mann seinem Team auch in der Defensive derart weiterhelfen würde, habe Pesic nicht erwartet. Auch deshalb würden die Bayern Bryant wohl höchstens noch ein weiteres Jahr halten können, ehe der Big Man in die NBA wechsele. Statements aus Pesics Mund, die überraschten. Schließlich spielte Bryant nach seiner Ankunft in München zwar keine schlechte erste Bayern-Saison (9,1 PPG, 6,7 RPG, 1,8 APG, 0,9 BPG), an sein vorangegangenes dominantes MVP-Jahr in Ulm (15,6 PPG, 10,1 RPG, 1,5 APG, 1,4 BPG) konnte er in München jedoch nicht anknüpfen. Doch Pesic wusste zu diesem Zeitpunkt, dass verschiedene NBA-Teams bereits Interesse an seinem Starting Center angemeldet hatten. Wenige Wochen nach dem Gewinn der Meisterschaft umso mehr. Doch auch wenn es der Traum der meisten Basketballspieler ist, eines Tages in der besten Liga der Welt zu spielen, war ein Wechsel für Bryant weder im Sommer 2014 noch ein Jahr später eine Option. Der zweifache BBL-MVP lehnte sogar mehrfach Angebote von NBATeams ab. „Es waren einige NBA-Teams an mir interessiert. Aber ich habe mich dazu entschieden, zurück nach Europa zu kommen. Denn ich wollte niemand sein, der dort als Trainingsspieler nur auf der Bank sitzt“, erklärt Bryant im BIG-Gespräch. „Ich wollte spielen und einem Team helfen. Die NBA hat sich in den vergangenen Jahren auch noch mehr zu einer schnellen und athletischen Liga entwickelt. NBA-Teams hätten meine Fähigkeiten deshalb wohl nicht voll ausschöpfen können. In Europa kann ich meine Stärken eher ausspielen, weshalb ich als Basketballspieler auch besser hierher passe.“

Dass Bryant sich im Sommer 2015 dazu entschied, seinen Vertrag in München um zwei weitere Jahre zu verlängern, verwundert daher nicht. Nach einer knapp verlorenen Meisterschaft gegen Bamberg wollte er die Bayern wieder zurück auf den Thron führen. Auch weitere Spielzeiten in der EuroLeague sollten folgen. Seine Karriere in München zu beenden, konnte sich Bryant zu dieser Zeit ebenfalls vorstellen, immerhin wurde auch sein Sohn in der Bayern-Metropole geboren. Als er während der Saison nicht ganz austrainiert wirkte, wurde Bryant von Pesic nur noch 19 Minuten pro Spiel aufs Feld geschickt. Und da nicht nur die NBA, sondern auch die BBL immer mehr Richtung Small Ball tendierte, war Bryant für Münchener Gegner oftmals ein Angriffspunkt. Vor allem im Pick’n’Roll hatte er Probleme, schnellere Gegenspieler zu halten oder den Guards nach dem Switch einen schwierigen Wurf abzuverlangen. Nachteile, die Brose Bamberg in der Halbfinalserie 2016 ausnutzte. Anstatt erneut im Finale um die Deutsche Meisterschaft zu kämpfen, wurden die Bayern von Bamberg mit einem 0:3-Sweep gedemütigt.

Dementsprechend schnell wurde von den Münchener Verantwortlichen über eine weitere Zusammenarbeit mit Bryant nachgedacht, trotz bestehendem Vertrag. Acht Wochen nach dem Playoff-Aus lösten die Bayern Bryants Vertrag auf, sodass ein Wechsel zum spanischen Top-Klub Valencia Basket letztlich vollzogen werden konnte. Glücklich wurde Bryant in Spanien nie. Nur zwei Kurzeinsätze verbuchte er in der ACB, wobei ihm in sieben Minuten Einsatzzeit zwei Pünktchen gelangen. Am 7. Oktober 2016 wurde Bryant von Valencia entlassen. Die Gründe dafür sorgten nicht nur in Spanien, sondern auch in Deutschland für Schlagzeilen. „Es ist kein Geheimnis, dass ich Gewichtsprobleme hatte“, gesteht Bryant, der zum Trainingsauftakt in Valencia mehr als 140 Kilo auf die Waage brachte. „Aber ich hatte das Gefühl, dass ich in Valencia nie eine richtige Chance bekommen habe. Nachdem ich dort einen Vertrag unterschrieben hatte, ging es nur noch darum, wie ich mein Gewicht reduziere. Allerdings hatte ich auch in den vorherigen Jahren meiner Karriere schon ein paar Kilos mehr als andere Spieler, konnte diesen Vorteil aber smart für mein Spiel nutzen. In Valencia konnte ich meine Fähigkeiten hingegen nie beweisen.“

An seine Top-Form einstiger BBL-Zeiten kam Bryant in der vergangenen Saison bei Weitem nicht heran, wie während seines Anschlussengagements in Monaco klar wurde. Für den Champions-League-Teilnehmer gelangen ihm bei einer Einsatzzeit von 18 Minuten pro Spiel lediglich sechs Punkte und fünf Rebounds im Schnitt. Sein Zweimonatsvertrag wurde in der Folge nicht verlängert, sodass der BBL-MVP von 2012 und 2013 zum Jahresbeginn 2017 ohne Arbeitgeber dastand. Bis zum Ende der Saison 2016/2017 änderte sich daran nichts.

Während die Teams europäischer Top-Ligen um die Playoff-Plätze kämpften, hatte Bryant genügend Zeit, um über seine Situation nachzudenken. Eine zentrale Frage: War die Fitness über den Sommer aufrechtzuerhalten? „Eigentlich ist es gar nicht so schwer, in Form zu bleiben. Aber ich trainiere im Sommer einfach nicht so hart, wie ich es sollte. Ich habe in den letzten Jahren im Sommer immer viel Zeit mit meiner Familie verbracht und wollte diese Zeit auch genießen. Zusätzlich bin ich viel gereist, weshalb ich seltener dazu gekommen bin, hart zu trainieren. Ich weiß aber, dass dieses Verhalten meiner Karriere geschadet hat“, gibt Bryant offen zu. „Wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte, dann wäre ich im letzten Jahr wohl in einer besseren Situation gewesen. Zeit mit der Familie zu verbringen ist für mich nach wie vor auch das Wichtigste, aber ich hätte mich währenddessen oder zumindest zwischendurch besser in Form halten sollen.“ Bryant nahm sich in dieser, für ihn ungewöhnlich langen, Offseason einen Personal Trainer, der ihn in München für die nächste Saison fit machen sollte. Zwei bis drei Work-outs am Tag standen an. Und auch während seines Heimaturlaubs in den USA schuftete Bryant mit seinem Football spielenden Bruder an seiner Form. Nach einer enttäuschenden Saison wollte er ein glänzendes Comeback im europäischen Basketball feiern.

Drei Wochen vor Saisonbeginn stand Bryant allerdings noch immer ohne Klub da. Zwar gab es Angebote, doch europäische Top-Teams schienen sich nicht gerade um eine Vertragsunterschrift von Bryant zu reißen. Die GIESSEN 46ers sahen in der Bryant-Verpflichtung hingegen eine Chance und schlugen zu. Für sie ergibt dieser Deal in mehrfacher Hinsicht Sinn. Sie haben mit Bryant nun einen erfahrenen Center im Kader, der die Liga bestens kennt und hier schon alles erlebt hat. Bryant ist im deutschen Basketball zudem eine Marke und als einer der besten BBL-Spieler des aktuellen Jahrzehnts auch überregional bekannt. Er zieht Zuschauer an, sorgt bei den Fans für Gesprächsstoff. Und auch auf dem Parkett kann er den 46ers helfen. Seinen Touch aus der Distanz hat der 30-Jährige während des vergangenen Jahres ebenso wenig verloren wie seine Cleverness am Brett.

Die wichtigere Frage scheint allerdings zu sein, wie Bryant ins Run-and-gun-System von Gießens neuem Coach Ingo Freyer passt. Bryant selbst hat längst erkannt, dass seine Stärken anderswo liegen. Sein BBL-Comeback in München verlief schwach, zum Saisonauftakt gelangen ihm in 28 Minuten nur zwei magere Pünktchen. Der einstige Dominator der BBL-Bretter schnappte sich gegen sein Ex-Team nur einen einzigen Rebound. Hat Bryant seinen Zenit überschritten? Oder passt er einfach nicht nach Gießen? „John Bryant wird in Gießen funktionieren. Er ist immer noch ein Garant für Siege“, sagt Denis Wucherer, der seinem Ex-Klub auch nach seinem Wechsel zu den RheinStars Köln die Daumen drückt. „Ulm hat früher auch einen schnellen Basketball gespielt, und John Bryant hatte damals seine besten Jahre. Als einer, der hinterherkommt, Blöcke setzen und auch den Dreier treffen kann, wird Bryant in Gießen funktionieren.“

Obwohl sich bei den Gießener Fans nach der bitteren 71:96-Heimpleite gegen Aufsteiger Erfurt zunächst Abstiegsangst breitmachte, fuhren die 46ers mit dem knappen Auswärtserfolg in Ludwigsburg und zwei gewonnenen Heimspielen gegen Bremerhaven und Tübingen drei Siege in Folge ein. Eine Serie, an der auch Bryant Anteil hatte. Er lieferte in den ersten sechs Saisonpartien im Schnitt nicht nur fast ein Double-Double ab (10,5 PPG, 8,8 RPG), sondern setzte seine Mitspieler dabei auch noch regelmäßig in Szene (2,2 APG). Einzig sein Dreier fällt noch nicht wie in seiner Ulmer und in seiner Münchener Zeit. „Es fühlt sich gut an, wieder zurück in der BBL zu sein. Deutschland ist für mich wie ein zweites Heimatland“, sagt Bryant, der sich an seine Teamkollegen und den schnellen Spielstil von Coach Ingo Freyer mittlerweile gewöhnt hat. „Ingos Stil ist schnell. Go, go, go! Das ist nicht unbedingt mein bevorzugter Stil, weshalb es auch eine Weile gedauert hat, bis ich mich daran gewöhnt habe, aber wir sind jetzt auf einem guten Weg. Denn wir haben Möglichkeiten gefunden, wie ich meine Stärken im Post trotz unseres schnellen Stils in unser Spiel einbringen kann.“

Vom Abstiegskampf reden die Gießener Fans einige Wochen nach dem Heimdebakel gegen Erfurt deshalb längst nicht mehr. Stattdessen geht es nun darum, wie es das Team nach zwei Jahren in Folge als Tabellenneunter endlich in die Playoffs schaffen kann, auch für Bryant. „Ich weiß nicht, was die 46ers offiziell als Ziel ausgegeben haben, aber mein persönlicher Wunsch ist es, die Playoffs zu erreichen. Dort ist dann sowieso alles möglich. Wenn wir weiter zusammenwachsen, haben wir auch gute Chancen, dieses Ziel zu erreichen“, sagt Bryant, der den 46ers sehr dankbar dafür ist, dass sie ihm ein BBL-Comeback möglich gemacht haben. Im Mittelfeld der Liga sieht er sich zukünftig allerdings nicht. Vielmehr will Bryant an seine besten Zeiten anknüpfen, am liebsten bei einem absoluten Top-Team. „Im nächsten Jahr will ich wieder um Titel mitspielen und an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen, egal ob es der EuroCup oder die EuroLeague ist. Denn ich will meine Karriere erfolgreich abschließen und nicht durch mein unglückliches letztes Jahr in Erinnerung bleiben.“


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