25
Nov

Bamberg. Wie enttäuscht darf man sein?

„Lukas´ Line-Up“ ist einer der Blogs bei BIG-Basketball in Deutschland. In den einzelnen Ausgaben werden zweiwöchentlich fünf aktuelle Themen – ganz subjektiv – erörtert, die noch einmal genauerer Betrachtung erfordern.

 

 

Position 1 – Oettinger Rockets: Scheitert der Plan früh?

Die Oettinger Rocktes Gotha zogen vor der laufenden Spielzeit aus dem heimischen Gotha ins rund 30 Kilometer entfernte Erfurt. Das liebgewonnene Zelt, genannt „blaue Hölle“, musste der Messehalle Erfurt weichen. Zahlreiche Spieler verließen den Klub. Auch hinter den Kulissen tat sich einiges. Besonders die Verpflichtung eines Mannes sorgte für Aufsehen: Wolfgang Heyder, vormals Chef bei Brose Bamberg, übernahm das Ruder in der thüringischen Hauptstadt.

Ziel des Ganzen? Binnen zwei Jahren soll der Aufstieg in die easyCredit BBL gelingen. Dieses Ziel wirkte herausfordernd – und dank Heyder dann doch irgendwie machbar – zugleich. Durch das ambitionierte Ziel, die neue Halle, diverse und sicherlich kostspielige Marketingkampagnen sollte das neue Wohnzimmer gefüllt und der Anhang besänftigt werden. Diesen Fans hatte der Umzug nach Erfurt nämlich ebenso wenig geschmeckt wie die Umbenennung des Lieblingsklubs. Basketball in Gotha (BiG) – ist also fortan in Erfurt heimisch.

Bisher wirkt der Start der Rockets aber eher wie der Start einer nordkoreanischen Rakete: Man sieht sich selbst in der Riege der Großen – versagt jedoch schon beim Start. Doch woran lag das? Das Marketing stimmte, die Infrastruktur passte, die Verpflichtungen schienen zu stimmen, das Konzept auch… Es ist wenig verwunderlich, dass Heyder Headcoach Chris Ensminger vor einigen Tagen öffentlich anzählte. In den ersten elf Saisonspielen setzte es sechs Niederlagen. Noch in der Vorsaison verloren die Rockets nur neun Spiele (in 30 Auftritten).

Sechs Niederlagen. Zu viel für den ehrgeizigen Heyder, der Konsequenzen ankündigte. Und diese kamen. Die US-Amerikaner Sam Muldrow und Jaysean Paige mussten innerhalb weniger Tage gehen. Der Abgang der beiden hat diverse, teils verständliche Gründe. Letztlich ist es jedoch der letzte Warnschuss vor den Bug des Headcoaches. Ensminger bekam mit Dane Watts bereits einen BBL-Veteranen neu dazu. Ein weiterer Guard wird folgen. Sollte es mit Watts und Mister X jedoch nicht schleunigst wieder aufwärts gehen, wird Heyder die Reißleine ziehen. Denn der Zwei-Jahres-Plan steht auf der Kippe. Zumindest ein Raketenstart würde dann klappen. Der des Schleudersitzes von Chris Ensminger.

Position 2 – FIBA-Auslosung. Wer soll uns ernst nehmen?

Was haben wir Basketball-Fans uns nicht schon alles anhören müssen: Wenn der Sport wachsen soll, muss er ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, muss die Nationalmannschaft erfolgreich sein und, und, und… Doch ich möchte anders anfangen. Am vergangenen Dienstag fand in Istanbul die Auslosungszeremonie der FIBA für die EuroBasket 2017 statt. Fußballanhänger sind möglicherweise bereits gewohnt, dass Veranstaltungen in die Länge gezogen werden. Doch diese Veranstaltung setzte dem die Krone auf. Dröge, langweilig und unnötig ausgedehnt zog sich die Veranstaltung hin. Ehe es zum wichtigsten Punkt (der Auslosung) kam, verging mehr als eine Stunde. Als der Satz „This ist the moment you are waiting for“ vom Moderator ins weite Rund gegrinst wurde, lachte selbst der ein oder andere der eingeblendeten Funktionäre. Mehr als sechzig verschwendete Minuten – plus eine weitere, mehrminütige Umbaupause in der rein gar nichts passierte: Die FIBA verpasste die Gelegenheit, sich als moderner und auf der Höhe der Zeit befindlicher Verband zu präsentieren.

Schließlich folgte dann die Auslosung – mutmaßlich hatten die Organisatoren nichts mehr gefunden, mit dem sie sonst die Zeit hätten verschwenden können – und zum ersten Mal an diesem Mittag wurde es tatsächlich spannend. Jedoch nur für Basketball-Fans. Andere Sportfans mussten sich irritiert fragen, aus welchen Gründen jetzt eigentlich zwei Länder jeweils in eine Gruppe gesetzt seien. Klar, bei vier Ausrichtern muss jede der vier Nationen in eine der vier Gruppen. Doch wieso kann sich jedes Land noch einen Partner aussuchen, welcher auf jeden Fall in der eigenen Gruppe ist? Mit sportlich fairem Wettbewerb hat dies jedenfalls wenig zu tun. Egal aus welcher Marketingsicht man diese Auslosung aus auch betrachtet: Ein neutraler Fan kann eine solche Auslosung nicht ernst nehmen. Und wenn nicht mal die Auslosung ernst genommen werden kann, wie soll es dann die gesamte Sportart? Mit so einer Prozedur gewinnt man jedenfalls nicht die Massen. Sicherlich kann man auch gut in einer Nische leben – dann aber doch bitte als respektierte Sportart und nicht mit solch abstrusen Veranstaltungen.

 

Position 3 – Bayreuth und das perfekte Team für ein Jahr

medi bayreuth ist das Überraschungsteam der Stunde. BBL-Fans reiben sich spätestens seit dem siebten Spieltag verwundert die Augen. Ist das tatsächlich das Bayreuth, was in den letzten Jahren so verlässlich hinter den Erwartungen zurückblieb, das Paradebeispiel für Auswärtsschwäche war und irgendwie Jahr für Jahr stagnierte? Ja! Sicherlich: Bayreuth hatte bisher nicht den schwersten Spielplan, muss in der Hinrunde noch gegen fünf der besten acht Teams ran. Doch medi bayreuth ist, im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, ein ernstzunehmender Kontrahent. Ein neuer Trainer, ein bestehender Spieler-Kern und gezielte Verstärkungen haben das Team aus der Versenkung geholt.

Mit zwei spielintelligenten Centern, einem sehr guten Forward (Nate Linhart) und ansonsten Spielern, die ihre Rollen hervorragend ausfüllen, hat das Team neun der letzten neun Spiele gewonnen. In den kommenden Wochen folgen weitere Belastungsproben (vs. Ludwigsburg, @ München, vs. Göttingen) für das Korner-Team. Doch egal wie diese Spiele und auch der Rest der Hinrunde verlaufen, Bayreuth dürfte die beste Runde seit dem Wiederaufstieg auf das Parkett legen, sich für den Pokal qualifizieren und am Ende der Spielzeit in den Playoffs mitmischen.

Was tatsächlich erstmals ungewohnte Fragen aufwirft, die in Bayreuth bisher nicht alltäglich waren: Ist die eingespielte Neuner Rotation für die großen Spiele und große Anstrengungen in den Playoffs gewappnet? Ist die Oberfrankenhalle für internationale Spiele geeignet? Will man überhaupt international antreten? Aus Sicht des Trainerstabs liegen diese Fragen sicherlich weiter in der Zukunft als für Geschäftsführer Philipp Galewski. Er, der das Konzept der Heroes of Tomorrow ins Leben rief und dieses endlich mit herausragendem sportlichen Erfolg versehen konnte, hat es in dieser Saison in Zusammenarbeit mit Raoul Korner geschafft, das für den Moment perfekte Bayreuther-Team zusammenzustellen. Alles scheint zu passen. Und dies öffnet dann wieder neue Türen. Der Standort kann wachsen, neue Sponsoren können etwas leichter gewonnen werden, der Identifikationsfaktor steigt. Bayreuth hat das perfekte Team – zumindest für dieses Jahr.

Position 4 – ProB Nord/Süd: Zwei Ligen, zwei Spielstile?

Die 2. Basketball-Bundesliga sieht sich als eine Liga. ProA, ProB Nord, ProB Süd – alles ist eins. So zumindest der Wunsch des Liga-Office. Letztlich sind es jedoch drei einzelne Ligen. Bei der Infrastruktur, den Spielstilen und der Zuschauerresonanz fällt dies auf. In der ProA kommen durchschnittlich 1.394 Zuschauer. In der ProB sind es nur 617.

Doch besonders der Punkt „Spielstil“ verwundert. In den letzten Jahren scheiterten in den Playoffs die Nord-Teams mehrfach und regelmäßig an ihren Kontrahenten aus dem Süden. Einige Trainer mokierten, dass die Spielweise im Süden der Republik deutlich körperlicher wäre und ihr Team dies in der regulären Saison nicht erlebe. Es lässt sich darüber streiten, ob es nicht Aufgabe der Trainer ist, dass sie ihr Team so einstellen, dass sie auch gegen körperlich aktivere Teams bestehen können. Aber sei es drum. Wäre es also zumindest für die schwächeren Teams eine Option, dass man aggressiver und körperlicher agieren würde? Die „Großen“ der ProB Nord scheinen für diesen Spielstil ja nicht gewappnet zu sein. Zumindest für Maik Berger (Trainer Citybasket Recklinghausen, Tabellenvorletzer) und Thomas Roijakkers  (Trainer RSV Eintracht, Tabellenletzer) sollte es eine Überlegung wert sein, um vielleicht doch die dringend notwendigen Punkte im Kampf um den Klassenerhalt einzufahren.

Für die gesamte 2. Basketball-Bundesliga scheint die körperliche Spielweise aber nicht zu reichen. Die Süd-Aufsteiger der letzten Jahre (u.a. Ehingen und Rhöndorf) stiegen in einer gewissen Regelmäßigkeit auch direkt wieder ab. Auch in dieser Saison befinden sich in der ProA Dresden und abermals Ehingen im Tabellenkeller. Vielleicht können ja auch die Süd-Teams noch etwas von ihren nordischen Konkurrenten lernen.

Position 5 – Bamberg. Wie enttäuscht darf man sein?

Brose Bamberg ist deutscher Meister, in der BBL ungeschlagen und das Maß aller Dinge. Auch in diesem Jahr führt der Weg zum höchsten nationalen Titel nur durch die BROSE ARENA. Doch obwohl die Mannschaft von Andrea Trinchieri trotz aller EuroLeague-Reisen noch jedes Bundesligaspiel gewinnen konnte – „Killer Miller“ sei Dank – bleibt sie irgendwie hinter den Erwartungen zurück. Denn in der Königsklasse des europäischen Basketballs wollten die Franken die Top8 angreifen. Kurz vor dem Ende des ersten Saisondrittels bleibt jedoch nur ein ernüchternder Fakt: Der Kampf scheint vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Sieben Niederlagen aus den ersten neun Spielen, Tabellenvorletzter. Und obwohl es nur zwei Siege Abstand zum nötigen achten Platz sind, wirkt es von außen nicht so, als wenn die fehlenden Erfolge aktuell aufgeholt werden könnten.

Während die ersten Spiele noch durchschnittlich mit einer Punktdifferenz von 2,5 Punkten endeten und die Bamberger entweder knapp gewannen oder (das häufiger) knapp verloren, waren sie stets ein Gegner auf Augenhöhe. In den letzten Wochen fielen sie jedoch ab. Gegen Darüssafaka Istanbul, gegen Roter Stern Belgrad und vor allem gegen Zalgiris Kaunas wirkten sie  – trotz zweifach knappem Ergebnis – unterlegen. Sie reagierten nur noch, agiert wurde wenig.

Bamberg ist aktuell das Aushängeschild des deutschen Basketballs. Und will das auch sein. Doch die Saison wirkt bereits im November unzufrieden stellend. Während ich als Fan eines anderen Klubs zwar die Bamberger Dominanz nicht gerade erfrischend fand, hatte ich gehofft, dass diese Dominanz zu einem noch besseren Abschneiden in Europa führt, die Liga eine noch bessere Außenwirkung bekommt und Bamberg nicht nur Teil der 16 besten europäischen Vereine ist, sondern zumindest auch am Top8 kratzt. Aktuell sehe ich jedoch nur, wie die Spieler Woche für Woche wie geschlagene Hunde das Feld verlassen. Und bin enttäuscht. Sicherlich, Basketball-Programme müssen langsam und kontinuierlich wachsen, Rückschläge einstecken können – nach dem ganzen EuroLeague-Hype hatte viele Fans jedoch andere Hoffnungen. Was hilft also? Geduld, das Zutrauen in die Bamberger Verantwortlichen – und auch das Wissen, dass am heutigen Abend Uli Hoeneß wieder zum Präsident des FC Bayern München gewählt werden wird. Und damit auch die Basketball-Abteilung wieder voll auf Attacke geht. Konkurrenz belebt schließlich das Geschäft.


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