23
Dez

Die Privatsphäre von Verantwortichen

„Lukas´ Line-Up“ ist einer der Blogs bei BIG-Basketball in Deutschland. In den einzelnen Ausgaben werden zweiwöchentlich fünf aktuelle Themen – ganz subjektiv – erörtert, die noch einmal genauerer Betrachtung erfordern.

Position 1 – Chemnitz: seid mutig!

Die Arena Chemnitz war mit 5.157 Zuschauern gefüllt, das innersächsische Derby wurde 103:69 gegen Dresden gewonnen: Das X-Mas-Game der NINERS Chemnitz war ein voller Erfolg – und ein Basketballfest. Erneut. Denn bereits im letzten Jahr kamen 5.261 Zuschauer zur ersten Ausgabe des Weihnachts-Specials. Vieles wird aus diesen zwei Spielen deutlich:

-        Die Marketing-Abteilung der NINERS macht einen hervorragenden Job

-        In Chemnitz gibt es großes Interesse am Basketball

-        In Chemnitz erstickt der Fußball (Chemnitzer FC) keinesfalls den Basketball

Zumindest aus der distanzierten Sicht stellt sich jedoch die Frage, weshalb die NINERS nicht noch mehr Kapital aus dieser Situation schlagen. Aktuell sind sie Tabellenvierter der ProA und mit Sicherheit eines der besten 20 Basketball-Teams Deutschlands. Nach dem Fast-Abstieg in der Saison 2014/2015 (Platz 13 und nur einen Sieg Vorsprung auf Absteiger Cuxhaven) hat sich dank neuer sportlicher Leitung vieles in die richtige Richtung entwickelt: In der letzten Saison Platz 7, in dieser Saison wird es aller Voraussicht ein Platz unter den Top-4 der Tabelle werden. Die Ansprüche sind jedoch weiterhin vergleichbar mit denen eines Mittelfeld-Teams – zumindest die nach außen kommunizierten. Denn dieses Ziel lautet „Playoffs“. Schade eigentlich, denn Basketball-Deutschland würde ein sächsischer Erstligist gut zu Gesicht stehen. Die herausragende Fanbase aus der Hartmann-Hölle, so der Name der eigentlichen Spielstätte, ist bereits erstklassig.

In Chemnitz wird es Zeit für neue Herausforderungen und neue Ziele. Nicht nur für Fernziele. Das Leistungsniveau ist angestiegen – es wird Zeit, dass auch die Erwartungshaltung und der eigene Anspruch erhöht wird. Denn die NINERS können mehr. Wieso also nicht einen Mehrjahresplan aufstellen mit dem Ziel Aufstieg? Chemnitz: seid mutig!

Position 2 – Rhöndorf: klare Meinung, klare Ansage

Die Dragons Rhöndorf befinden sich in einer schwierigen Situation. Der ProA-Absteiger ist seit jeher eine sehr gute Adresse für den deutschen Basketball-Nachwuchs. Doch während es verkraftbar ist, dass in letzter Zeit kaum ein Spieler den Durchbruch auf der ganz großen Bühne geschafft hat, schmerzt vor allem die sportliche Leistung. Nach dem fehlgeschlagenen Abenteuer in der ProA sollte in diesem Jahr an das vorvergangene Jahr angeknüpft werden. Rhöndorf wollte wieder viele Siege feiern und sich in der Spitzengruppe der ProB Süd etablieren. Der Blick auf die Tabelle macht jedoch klar, dass dies nicht geklappt hat. Nur fünf Siege aus 13 Spielen, Tabellenplatz acht. Bad Honnef hatte schon bessere Basketball-Zeiten.

Umso schöner ist es zu sehen, dass dennoch vieles rund um den DragonDome klappt - allen voran die Krisenkommunikation. Während man Anfang Dezember noch die eigenen Fans für deren, aus Sicht der Dragons, verbesserungswürdiges Verhalten rügte und darum bat, dass man in diesen schweren (sportlichen) Zeiten zusammenstehen sollte, verdient besonders der Kommentar von Boris Kaminski aus der letzten Woche viel Respekt. Der FC Bayern 2 hatte in seiner Pressemitteilung die Rhöndorfer für deren, scheinbar wenig kompromissbereites Handel, scharf kritisiert. Ausführlich, professionell und authentisch nahm Dragons-Geschäftsführer Kaminsiki auf der Website Stellung. Damit entkräftete er die offensichtlichen Unterstellungen, untermauerte die eigene Position und sorgte bei den Fans für viel Verständnis. Nebenbei nutze Kaminski die sich bietende Chance der gestiegenen Aufmerksamkeit und machte gleich auch noch Werbung für die Dragons. Kurzum: Krisenkommunikation auf obersten Niveau.

Sollte es ab dem Jahr 2017 auch wieder sportlich laufen, wäre im Hause des Drachen wieder vieles in geregelten Bahnen. Aber selbst wenn dies nicht passiert – die Fans haben einmal mehr den Beweis bekommen, dass die Führung professionell arbeitet und man sich auf die Vereinsführung verlassen kann. Und das ist im Zweifel vielleicht sogar mehr wert als der kurzfristige sportliche Erfolg.

Position 3 – Göttingen: Standort im Wachstum

Die Liga ist gähnend langweilig, sagen manche Menschen – die acht Playoff-Teams machen neun bis zehn Mannschaften unter sich aus, scheint es. Umso erfrischender ist es zu sehen, dass im Norden der Republik – oder auch in der Mitte, das kommt auf den Blickwinkel an – etwas Neues entsteht. Die BG Göttingen wächst und wächst. Und das ist schön. Denn der Klub war 2007 erstmals erstklassig, gewann unter John Patrick 2010 die EuroChallenge und versank dann, nach dem Abgang des Erfolgscoaches, wieder etwas im unteren Tabellendrittel. In der Saison 2012 stieg man gar ab – und befand sich in der Insolvenz. Ein Retter musste her, ein Retter kam: Johan Roijakkers übernahm das sportliche Ruder und führt seitdem Göttingen in immer höhere Sphären. Der Niederländer lebt Basketball. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Während er vor einigen Jahren noch von einem sehr guten Scouting profitierte (Raymar Morgan, Alex Ruoff und Khalid El-Amin: WOW!), ist das Außergewöhnliche in Niedersachsen schon zur Normalität geworden. Nach einem Übergangsjahr in der letzten Saison spielt die BG in der aktuellen Saison wieder groß auf. Tabellenplatz zehn ist die Folge. Doch in Göttingen, das ist das Besondere, wird der Erfolg langsam aufgebaut. Göttingen boomt nicht, Göttingen entwickelt sich. Nach dem Umzug in die Sparkassen-Arena (2011) steht nun ein weiterer Meilenstein an: die Fertigstellung des neuen Trainingszentrums. Auf dieses freuen sich Verantwortliche, Spieler und Fans. Zurecht. Denn die neu geschaffene Infrastruktur bietet den Niedersachsen tolle Möglichkeiten. Göttingen hat sich selbst auf ein neues Level gehoben – und dabei dennoch nicht den Hauptverantwortlichen vergessen.

Denn dass die BG derartige Projekte stemmen kann, hängt auch damit zusammen, dass der Klub seit einiger Zeit wieder in der BBL spielt und wirtschaftlich wächst – Roijakkers sei Dank. Er ist nicht nur Taktikfuchs, sondern auch emotional auf der Höhe: Viele Spieler schwärmen von der Zeit in Göttingen – oder kommen nach unschönen Erfahrungen (Ruoff) gerne zurück. Der Vertrag mit dem Erfolgscoach wurde nun vor einigen Tagen bis 2021 verlängert. Beide Seiten wissen, was sie aneinander haben. Und das ist das größte Pfund in der Hinterhand der BG: Der Klub befindet sich im Wachstum und kann nicht nur in Beine sondern auch in Steine investieren.

Position 4 – Martin Geissler: privat gut oder privat übertrieben?

„Es ist bedenklich, dass @MLP_Academics trotz gleichzeitiger U18EM auf Spieltermin gg @BCMBaunach bestehen-in solchen Fällen muss man schieben“ twitterte @MGeissler84 am 15. Dezember. Hinter dem Twitter-Handle steckt Martin Geissler, langjähriger Geschäftsführer des MBC, Macher des Top-Teams aus Sachsen-Anhalt. Geissler hat viele Facetten. Eine dieser Facetten ist, dass er meinungsstark ist und mit seinen Ansichten nicht hinter dem Berg hält. Zu allen Themen, welche er diskussionswürdig findet, äußert er sich. Zugegeben: Auf seinem privaten Account ist dies auch sein gutes Recht. Ob sich jedoch der Geschäftsführer eines Ligakonkurrenten jedoch zu einem Sachverhalt äußern muss, obwohl er nicht die Hintergründe einer Entscheidung kennt, sei einmal dahingestellt.

Geissler ist jedoch kein „Einzelfall“. Auch Martin Romig, Thomas Stoll und viele andere Manager twittern/posten privat. Und geben mal mehr, mal weniger ihre Meinung zum Besten. Zu twitternden Verantwortlichen kann man verschiedene Meinungen haben (wie zu allem). Ich schließe mich jedoch Daniel Müller, Geschäftsführer der 2. Basketball-Bundesliga, an. Auf die Frage, was der Basketball noch vom Fußball lernen könnte, antwortete er jüngst: „(…) Manche Entscheider müssten sich bewusst sein, dass sie sich selbst und ihre private Meinung etwas zurücknehmen müssten, denn auch in privaten Postings oder Tweets wird man als Vertreter des Klubs wahrgenommen. Und das fällt dann auf den Klub zurück (…)“.

In diesem Fall fällt das oben zitierte Geissler-Posting für mich auf den MBC zurück. Es wirkt unprofessionell. Andere finden, dass es toll ist, wenn sich die Verantwortlichen auch von ihrer privaten Seite zeigen. Es bleibt wohl eine Grundsatz-Entscheidung, ob man hoeneßsche Meinungsäußerungen auch im Basketball haben will. Vorteilhaft ist daran, dass der Basketball auch unter der Woche und über seine eigenen Grenzen hinaus Geschichten schreibt, denn dadurch entstehen Diskussionen und diese tuen dem Basketball gut. Es bleibt jedem selbst überlassen, was er besser findet.

Position 5 – Ulm: nur tageweise perfekt?

78:63 gegen den deutschen Meister, Erfolgscoach und Identifikationsfigur gehalten, die Heimspielstätte feierte Geburtstag und war abermals ausverkauft: der 11. Dezember 2016 dürfte als einer der besten Tage in der Vereinsgeschichte von ratiopharm ulm in die Geschichte eingehen. Auf den ohnehin schon guten Tag setzte der 15-Punkte-Erfolg gegen Brose Bamberg noch die Kirsche auf die riesige Torte. Spätestens seit diesem dritten Advent gilt Ulm als einer der Anwärter auf den Meistertitel. Zurecht.

Mittlerweile ist die Mannschaft von Thorsten Leibenath sogar Tabellenführer der easyCredit BBL – die Erfolge in Vechta und gegen Würzburg waren aber auch zu erwarten. Bisher sind dies jedoch alles Momentaufnahmen. Leider. Denn Ulm ist sympathisch, arbeitet zielstrebig und ist nach wie vor enorm im Aufwind. Bislang jedoch ohne Titel. Lediglich Per Günther heimst einen Pascal-Roller-Award nach dem anderen ein. Das zwar zurecht, wirklich freuen kann man sich darüber aber nicht mehr. Denn es ist erwartbar und dann ja doch irgendwie kein richtiger Titel. Seit zehn Jahren, seit dem Jahr 2006, spielte Ulm in der Bundesliga. Spätestens seit dem Leibenath an der Seitenlinie steht, geht es bergauf – der letzte Schritt fehlt jedoch. Der Titel. Wobei eigentlich nicht „der Titel“, sondern irgendein Titel. Ob dies der BBL-Pokal, die Meisterschaft, der EuroCup oder was auch immer ist: Ulm soll und muss einen Titel gewinnen. Sagt zumindest das Basketball-Herz.

Mit Sicherheit ist die Wahrscheinlichkeit im Pokal sehr hoch, denn Ulm kann jeden Gegner in der heimischen Liga respektive dem Pokal schlagen – sie müssten es nur auch mal im vermeintlich richtigen Moment machen. Dass Ulm noch keinen Titel gewonnen hat, liegt unter anderem auch am schier endlosen Höhenflug der Donaustädter. Während Frankfurt in diesem und Bonn im nächsten Jahr möglicherweise den FIBA Europe Cup gewannen/gewinnen werden, spielt Ulm stets im EuroCup. Die Möglichkeiten auf einen Sieg ebendieses sind sehr gering – auch in diesem Jahr. Nach dem souveränen erreichen der Zwischenrunde warten Khimki Moskau, der FC Bayern Basketball, und Lietkabelis Panevezys auf die Ulmer. Schwere Gegner. Und auch wenn Ulm sich durchsetzen sollte (dafür würde wohl dann der FCBB rausfliegen, denn Moskau dürfte souverän weiterkommen), warten Gegner wie Valencia, Gran Canaria oder St. Petersburg: keine Gegner auf Augenhöhe.

Doch daran muss sich Ulm messen lassen, daran, dass man es schaffen muss, auch mal mehr als einen Tag perfekt zu sein – mindestens drei wären gut (Stichwort BBL-Pokal). So oder so wäre es diesem sympathischen Klub so sehr zu wünschen, dass er sich auch mit einem Titel mal belohnen könnte. Egal wie.


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