17
Okt

BIG-Appetizer: Denis Wucherer


Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir das Interview mit Denis Wucherer aus BIG #77 für Euch.

„Verträge sind nicht mehr das, was sie zu meiner Zeit waren“

Denis Wucherer muss bei s.Oliver Würzburg ein komplett neues Team aufbauen.

Wer dieses BIG-Gespräch liest, wird verstehen, wie der neue Würzburger Coach im Detail vorgeht und welche Philosophie seine Mannschaft verfolgen wird.

Denis, mit Robin Benzing und Maurice Stuckey sind euch zwei der besten drei deutschen BBL-Scorer abgesprungen, trotz laufendem Vertrag. Warum konntest du sie nicht von einem Verbleib überzeugen?

Robin hatte einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben, aber mit Ausstiegsoption. Als Kapitän der Nationalmannschaft hat er andere Ambitionen, als mit einem Team nur um die Playoffs mitzuspielen. So ein Spieler möchte höherklassig und auch international spielen. Er sieht sich auf einem anderen Niveau, vielleicht in der EuroLeague, aber mindestens im EuroCup. Ein Vertrag in Würzburg und viel Spielzeit war für ihn auch ein Mittel zum Zweck. Das müssen wir so verstehen und das ist auch okay. Bei Moe ist es so, dass er, im Vergleich zu den Jahren davor, eine Breakout-Season gespielt hat. Wenn so etwas der Fall ist, gibt es in der BBL-Welt sofort Mannschaften, die einem Spieler das Doppelte bezahlen. Bestehende Verträge sind dann nicht mehr das, was sie zu meiner Zeit mal waren. Wenn ein Spieler zudem nicht mehr wirklich Lust auf den Verein hat, dann hast du eigentlich auch keine Chance mehr, ihn zu halten. Stattdessen spielt er dann da, wo er das Doppelte verdient. Auch das kann ich verstehen, weshalb man ihm keine Steine in den Weg legen sollte.

Wie kann der Klub diese Abgänge kompensieren?

Die Abgänge auf den deutschen Positionen können wir nicht ersetzen. Das gibt der Markt nicht her und wir könnten uns das auch nicht leisten. Insofern müssen wir schauen, dass wir auf den Ausländerpositionen deutlich stärker sind, als es s.Oliver Würzburg im letzten Jahr war. Mein Plan ist es deshalb, Spieler zu verpflichten, die mein System kennen und mit denen ich bereits zusammengearbeitet habe. Ich bin mit vielen meiner Ex-Spieler weiterhin in Kontakt und schaue, wie zufrieden sie mit ihrer jeweiligen Situation sind. Mit Skyler Bowlin und Gabe Olaseni konnte ich schon zwei von ihnen nach Würzburg holen. Zudem arbeite ich daran, einen dritten Spieler aus früheren Zeiten zu bekommen, der sich in den letzten Jahren ebenfalls weiterentwickelt hat. Hoffentlich haben wir dadurch eine Achse zusammen, die stark genug ist, um das neue Würzburger Team in die Playoffs zu führen.

Worauf achtest du sonst bei der Rekrutierung?

Ich versuche natürlich, nicht nur Spieler zu verpflichten, die ich schon kenne. Auch die weiteren Importspieler müssen eine hohe Qualität haben. Dafür werden zunächst die vielen Listen der Agenten durchgearbeitet. Man schaut sich viele Profile und Videos an, vor allem der Spieler, die zu der jeweiligen Situation passen. Wenn dann jemand dabei ist, der uns gefällt, werden Telefonate geführt, um herauszufinden, was für ein Typ Mensch dieser Spieler ist. Wer hat mit ihm schon zusammengespielt? Wer kennt ihn genauer? In dieser Phase geht es darum, so viel wie möglich über den Charakter des Spielers herauszufinden. Man muss so sicher wie möglich sein, dass er nicht nur spielerisch, sondern auch menschlich in die Mannschaft reinpasst. Wenn ein Spieler in verschiedenen Videos überzeugt hat, dauert es also noch ein bisschen, bis dieser tatsächlich ein Kandidat für das Team ist.

Und was ist, wenn nicht?

Dann kann es sein, dass die Arbeit einer ganzen Woche über den Haufen geworfen wird. Zum Beispiel wenn ein Spieler während des ersten Telefongesprächs offenbart, dass er das Doppelte von dem verdienen will, was man bezahlen kann. Das sind frustrierende Momente. Insgesamt ist die Rekrutierungsphase aber eine spannende Zeit, die auch viele schöne Momente liefert. Vor allem dann, wenn man merkt, dass sich die investierte Arbeit auszahlt.

Hat sich deine Arbeit bereits ausgezahlt?

Bis jetzt schon. Ich will Spieler, die wirklich Bock auf Würzburg haben, und habe diese bisher auch bekommen. Sie sollen der festen Überzeugung sein, dass ein Wechsel nach Würzburg der richtige Schritt in ihrer Karriere ist. Im Vergleich zu meiner Zeit in Gießen habe ich dabei nun andere finanzielle Rahmenbedingungen. Hier kann es eher gelingen, jemanden zu verpflichten, der in einem anderen BBL-Klub schon eine gute Leistung gebracht hat. Mit Mitch Creek konnten wir bereits so einen Spieler verpflichten, der in der nächsten Saison als vielseitiger Combo-Forward wichtig für uns werden wird. Mitch hat als Kind Australian Rules Football gespielt. Er hebt sich deshalb von den Jungs ab, die in ihrer Jugend ein bisschen gekickt haben. Ich bin mir jetzt schon sicher: Es wird in der nächsten Saison kaum einen Spieler geben, der härter zur Sache geht als Mitch Creek.

Steht er für den Basketball, den Würzburg in der kommenden Saison spielen will?

Auf jeden Fall. Ich habe viel von Dirk Bauermann mitbekommen und lange unter ihm gespielt. Die Art und Weise, wie meine Mannschaft in der Defensive spielt, hat viel von dem, was auch Dirk Bauermann macht. Die letzten Saisonwochen in Würzburg haben ja gezeigt, auf welchem Niveau diese Mannschaft verteidigt hat. Das war schon sehr stark und so in den gesamten BBL-Playoffs nicht zu sehen. Deshalb bin ich mir sicher, dass es Dirk Bauermann den Bayern ähnlich schwer gemacht hätte, wie die Frankfurter. Eines meiner Ziele ist es aus diesem Grund, in der Verteidigung ähnlich gut und konsequent zu sein. Dementsprechend werden wir weiter Spieler verpflichten, die dazu in der Lage sind. Durch diese aggressive Verteidigung wollen wir offensiv einen guten Rhythmus finden und eine vernünftige Spielkultur entwickeln.

Wie lange wird das dauern? Die Mannschaft wird nahezu komplett neu zusammengestellt sein.

Mir ist es sehr wichtig, einer Mannschaft und den einzelnen Spielern Zeit zu geben. Sie müssen sich entwickeln können, auch wenn sie in der Vorbereitung oder zum Start der Saison nicht das bringen, was wir uns von ihnen versprechen. Ich habe jedenfalls gute Erfahrungen damit gemacht, an Spieler zu glauben und ihnen den einen oder anderen Fehler zu verzeihen. Viele von ihnen müssen sich an die Liga und eine neue Kultur auch erst gewöhnen, wenn sie jung sind. In diesen Fällen geht es darum, ihr Selbstvertrauen zu stärken, damit sie an sich und ihre Stärken glauben. In der Hoffnung, dass sie irgendwann hoffentlich das abrufen, was in ihnen steckt. Denn was sie theoretisch abrufen können, wissen wir Trainer, weil wir sie täglich studieren. Unsere Aufgabe ist es also, die einzelnen Stärken der Spieler in einer neu zusammengestellten Mannschaft herauszukitzeln. Geduld spielt dabei eine große Rolle. Wenn man zum Beispiel sieht, mit welcher Ruhe Aito coacht und wie die Spieler ihm dieses Vertrauen zurückzahlen, dann kann man sich davon viel abgucken. In den letzten Jahren habe ich deshalb versucht, mich in eine ähnliche Richtung wie Aito zu entwickeln. Vor allem während meiner Zeit in Gießen. Aus diesen Gründen hoffe ich auch darauf, dass es uns im Saisonverlauf immer besser gelingt, selbstbewusst, uneigennützig und mannschaftlich geschlossen aufzutreten. Einen Top-Scorer, der die ganze Last auf sich nimmt, hatte ich während meiner Trainerkarriere aber sowieso noch nie im Team.

Gießen hat diesen mit John Bryant nun mindestens zwei weitere Jahre. Bereust du deinen Abgang?

Nein, obwohl es von den Verantwortlichen natürlich ein Coup war, John Bryant weiterzuverpflichten, weil Gießen dadurch mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird. Ich sehe auch, dass bei den 46ers weiterhin viel richtig gemacht wird. Aber Würzburg war für mich der logische nächste Schritt. Denn bisher habe ich noch keine Mannschaft gecoacht, mit der ich optimistisch in die Saison gehen und sagen konnte: Die Playoffs sind unser Ziel. Mit Gießen war der Nichtabstieg die Vorgabe, obwohl wir später doch um die Playoffs gespielt haben. Jetzt in Würzburg sind die Playoffs das Ziel. Vielleicht schaffen wir es erneut, wie damals in Gießen, für ein noch besseres Ergebnis zu sorgen.

Dirk Bauermann formulierte nach seiner Verpflichtung in Würzburg ähnliche Ziele.

Sich mit 19 Siegen nicht für die Playoffs zu qualifizieren, ist aber auch extrem. Das hat es seit dem Jahr 2010 nicht mehr gegeben. Ohne die Zahlen der anderen Vereine alle genau zu kennen, liegen wir vom Budget her wohl zwischen den Plätzen sieben und zehn. Deshalb muss es auch unser Ziel sein, die Playoffs zu erreichen.

Ist nach dem Bau der neuen Halle noch mehr drin?

Ein wunderbares Trainingszentrum gibt es in Würzburg ja bereits. Zudem ist der Verein auch in vielen anderen Bereichen sehr professionell aufgestellt. Und natürlich wird s.Oliver Würzburg als Verein mit einer neuen Halle ganz andere Möglichkeiten haben. Mittelfristig soll der Klub dann auch regelmäßig im europäischen Wettbewerb vertreten sein, was natürlich eine sehr interessante Perspektive ist. Doch bevor es dazu kommt, müssen wir in den nächsten Jahren erst einmal unsere Hausaufgaben machen und erfolgreich arbeiten.

Spielt das Thema Hallenneubau bei den Spielerverpflichtungen schon jetzt eine Rolle?

Das ist aktuell noch etwa ein Jahr zu weit weg, da wir voraussichtlich noch zwei Jahre in der s.Oliver Arena spielen werden und die neue Halle erst in der Saison 2020/2021 stehen wird. Gleichzeitig haben wir dieses Pfund schon im Hinterkopf und werden zukünftig versuchen, Spieler auch damit zu begeistern und diese in den hoffentlich dann bestehenden Kern unserer Mannschaft zu integrieren. Womöglich wird der Verein dann auch noch mal andere Ziele formulieren. Aber das ist jetzt noch zu weit weg.

In Köln wurden vor der letzten Saison auch hohe Ziele ausgerufen. Du wolltest dort den BBL-Aufstieg schaffen, bist mit den RheinStars als viertplatziertes Team aber in der ersten Playoff-Runde mit 0:3 gegen Karlsruhe ausgeschieden. Was lief in der Postseason schief?

Um in den Playoffs erfolgreich zu sein, hätten alle gesund sein müssen. Leider war das bei uns nicht der Fall. Mit Kavin Gilder-Tilbury und Jesse Morgan waren zwei Spieler angeschlagen, die für uns sehr wichtig waren. Aber ich will den Karlsruhern gar nichts von ihrem Erfolg nehmen. Sie haben es einfach besser geschafft, in den Playoffs noch mal eine Schippe draufzulegen. Sie haben eine höhere Intensität und den unbedingten Willen an den Tag gelegt. Wir hingegen sind wahrscheinlich schon während der regulären Saison nah an unser Leistungslimit herangekommen.

War die Erwartungshaltung zu hoch? Der Aufstieg wurde klar als Ziel formuliert.

Mit der Formulierung des Saisonziels sind wir bewusst offensiv umgegangen. Und zwar in dem Wissen, dass die Situation in Köln mit den hohen Kosten für die Halle keine einfache ist. Denn ein sehr großer Anteil des Budgets ist in die Halle und die Voraussetzungen für eine gute Trainingssituation investiert worden. Obwohl wir wussten, dass wir nicht die finanziellen Möglichkeiten wie Vechta oder Crailsheim haben, wollten wir gern eine Mannschaft sein, die um den Aufstieg mitspielt. Aus den gerade genannten Gründen haben wir das in den Playoffs aber leider nicht geschafft. An der Erwartungshaltung lag es aber nicht. Denn der Druck lastete eher auf den Verantwortlichen als auf den Spielern.

Der Klub spielt aufgrund der Hallensituation in der nächsten Saison nur noch in der ProB. Wie beurteilst du die Situation?

Die einzige Möglichkeit, den Verein weiter in der Lanxess Arena spielen zu lassen, wäre der BBL-Aufstieg gewesen. Denn wenn man in einer

20 000er-Arena 15-mal vor 1500 Zuschauern spielt, ist es für eine Mannschaft sehr schwer, Spiele zu gewinnen, so ganz ohne Heimvorteil und Fankultur. Insofern ist der Schritt, in die ProB zu gehen, die richtige Entscheidung. Auf diese Weise bietet sich dem Verein die Möglichkeit, mehr Geld in den Unterbau zu stecken und in Trainer sowie in den Jugendbereich zu investieren, um den Verein für die Zukunft besser aufzustellen.

Hat der Profibasketball in Köln überhaupt eine Zukunft?

Ohne eine neue Halle nicht, da sind sich alle Beteiligten spätestens nach dieser Saison einig. Es sei denn, es findet sich ein Mäzen, der so viel Geld in den Basketball investiert, dass man auch vor 1500 Zuschauern in der Lanxess Arena spielen kann. Langfristig müsste ein Profiverein in Köln aber eine Spielstätte mit einer Kapazität von 3000 bis 6000 Zuschauern bekommen, wo eine echte Heimspielatmosphäre entsteht. Wenn das gelingt, kann sich der Profibasketball in Köln auch wieder etablieren. Ich hoffe und glaube, dass es eines Tages wieder dazu kommt.


Interview: Alexander Büge



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