04
Mär

BIG-Appetizer: Pedro Calles

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir die Story über Pedro Calles aus BIG #83 für Euch.

Höflich, zurückhaltend, GLASKLAR

Pedro Calles ist der zweitjüngste Trainer der BBL. Aufsteiger RASTA Vechta hat er zu einem Playoff-Kandidaten gemacht – mit kühler Analyse und südländischem Temperament

Ob Ainars Bagatskis mit der Kleinstadt Vechta etwas anfangen konnte, als er im Sommer Coach bei Brose Bamberg wurde? Inzwischen sollte der Star-Trainer diese Lücke geschlossen haben. Denn eine Niederlage gegen den kleinen Aufsteiger RASTA Vechta kostete Bagatskis den Job. Die fünfte Saison­niederlage und die Lustlosigkeit, mit der die Bamberger gegen die aggressiveren Niedersachsen antraten, ließ die Verantwortlichen handeln. Bagatskis, von 2011 bis 2017 lettischer Nationaltrainer, bei Brose aber noch nicht einmal sieben Monate im Amt, stolperte über den Klub aus einer 30 000-Einwohner-Stadt, in der Basketball – wie in Bamberg – Religion ist.

Dabei waren Bagatskis und Bamberg in dieser Saison nicht die Einzigen, die Vechta düpierte: Berlin, Ulm, Gießen – alle verloren gegen den Aufsteiger, der sich unter der Regie des zweitjüngsten Trainers der Liga (der vor Kurzem neu installierte Headcoach von Brose Bamberg, Federico Perego, ist noch jünger) anschickt, die Playoffs anzupeilen. „Playoffs? Das hängt nicht nur von uns allein ab.“ Pedro Calles entlockt die Frage, ob Vechta, das zuvor zweimal in die easyCredit BBL auf- und jeweils prompt wieder abgestiegen war, ein Kandidat für die Postseason sei, noch nicht einmal ein Zucken mit der Augenbraue. Der 35-Jährige mag mit seiner braven Frisur und dem Maßanzug auch als Angestellter der Landessparkasse Oldenburg durchgehen, in ihm brennen jedoch der Stolz und das Temperament eines typischen Spaniers. Wer das Energiebündel Calles an der Seitenlinie erlebt, bekommt eine Ahnung davon, warum sich seine Intensität in Vechtas Spiel widerspiegelt.

Es gab nicht wenige im Umfeld von RASTA Vechta, die es für keine clevere Idee hielten, die dritte Mission Klassenerhalt ausgerechnet in die Hände eines langjährigen Assistenztrainers zu legen, der auf Erstliganiveau vorher nie als Headcoach gearbeitet hatte. Doch zu welchem BBL-Klub passen unkonventionelle Maßnahmen besser als zu einem, der sich auf der Suche nach einem Vereinsnamen von den Jamaika-Klängen eines Bob Marley inspirieren ließ?

Ohnehin entpuppt sich Vechtas Trainerwahl auf den zweiten Blick als gar nicht so abwegig: Zum einen hatte der Klub bei seinen bisherigen Versuchen, sich mit renommierten und erfahrenen Headcoaches (Pat Elzie, Andreas Wagner, Douglas Spradley) in der easyCredit BBL zu etablieren, keinen Erfolg. Zum anderen war Pedro Calles in Vechta kein unbeschriebenes Blatt: Seit 2015 arbeitete er als Co-Trainer im Klub, war intimer Kenner aller Strukturen und Abläufe. Vor seiner Zeit in Vechta fungierte er als Athletiktrainer und Assistant Coach beim damaligen Erstligisten Artland Dragons.

In seiner Heimat arbeitete der Sportwissenschaftler, der von der Universität in Granada 2006 seinen Bachelor in Sportwissenschaften erhielt und 2009 beim spanischen Basketballverband FEB die höchste Trainerausbildung abschloss, in der spanischen 3. Liga, rettete dort Plasencia Extremadura vor dem Abstieg. „Pedro Calles hat sich nach unserer Entscheidung, mit einem neuen Headcoach die Zukunft anzugehen, als Wunschkandidat herauskristallisiert. In den drei Jahren bei RASTA konnten wir sowohl seine Arbeit als auch seine Persönlichkeit sehr genau kennenlernen“, erklärt Geschäftsführer Stefan Niemeyer. „Pedro ist trotz seines noch jungen Alters erfahren, hat unter sehr guten Trainern gearbeitet und hatte ausschlaggebenden Anteil am Erfolg der zwei Aufstiegsjahre. Er steht zu 100 Prozent hinter dem Weg, den wir bei RASTA in Zukunft gehen wollen.“ Dennoch war Niemeyer bewusst, dass es auch kritische Stimmen gab, die es dem ehemaligen Athletiktrainer der Artland Dragons Quakenbrück nicht zutrauten, ein Erstligateam zu coachen. „Ein gewisses Risiko war dabei“, gibt der Geschäftsführer zu, zumal sich die Mannschaft zunächst abwartend zeigte. „Die Aussagen der Spieler klangen anfangs ein wenig nach: Wir vertrauen dem Coach natürlich, aber … wir schauen erst mal, wie es sich entwickelt.“

Heute können er und die anderen Verantwortlichen von RASTA Vechta sagen: Alles richtig gemacht! Vielleicht auch weil sie wussten, dass der nach außen kühle Calles innen ein heißes Herz besitzt. Denn wer den Spanier in den Stunden vor dem Spiel in Bamberg, das Vechta mit 85:67 gewinnen wird, erlebt, kann kaum glauben, dass Calles in der Coachingzone zu einem Energiebündel mutiert. Höflich, zurückhaltend, fast scheu kommt der junge Familienvater im persönlichen Gespräch rüber. Vielleicht weil sein Englisch mit starkem spanischen Akzent eingefärbt ist und er von seiner Arbeit in seiner Muttersprache viel lebendiger erzählen könnte als in der Sprache des Basketballs. „Pedro ist sicherlich kein Charakter, der nach vorne prescht. In Gesprächen vertritt er jedoch immer stark eine glasklare Meinung. Und er versteht es, sein Gegenüber mit seiner analytischen Herangehensweise und seinem Selbstbewusstsein schnell auf seine Seite zu ziehen“, zeigt sich Vereinsboss Niemeyer beeindruckt vom Auftreten des jungen Südländers.

Am liebsten parliert der natürlich weiterhin auf Spanisch, und das kann er beispielsweise jeden Tag mit seinem Co-Trainer und Landsmann Miguel Zapata tun. Und er konnte es am Tag vor dem Spiel gegen Berlin, als er sich mit ALBAs Headcoach Aito Garcia Reneses und Sportdirektor Himar Ojeda zum Abendessen traf. „Aito ist in Spanien eine Legende, ich schaue zu ihm auf. Gegen Coach Aito spielen zu dürfen, ist ein Traum, der wahr geworden ist“, sagt er mit einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit gegenüber BIG. Ungewöhnlich: Nachdem Calles in Vechta zum Cheftrainer ernannt worden war, suchte er bei einigen Trainern und Verantwortlichen der Liga das Gespräch, um zu erfahren, worauf es in der BBL ankommt – unter anderem in Berlin bei Aito. „Allein das zeigt, wie akribisch sich Pedro auf seine Arbeit vorbereitet. Er hat sich in der Offseason praktisch kaum einen freien Tag gegönnt, stattdessen viel Zeit in Reisen und Gespräche investiert“, weiß Geschäftsführer Niemeyer.

Von der Demut des Jungtrainers gegenüber der Coaching-Legende war dann am Tag nach dem gemeinsamen Abendessen in Vechta allerdings wenig zu spüren. Aggressiv, schnell und ohne jeglichen Respekt machte RASTA auf dem Spielfeld Jagd auf die Albatrosse, die in vielen Situationen regelrecht hilflos erschienen. 80:69 hieß es am Ende, und der RASTA Dome, in den maximal 3140 Fans passen, kochte über. Nur Calles fand mit der Schlusssirene schnell seine Contenance, eilte schnellen Schrittes auf sein Pendant auf ALBA-Seite zu und streckte Aito die Hand entgegen. Der nahm sie, beugte sich zu Calles wie der Lehrer zum Schüler und gab ihm noch ein paar Worte mit auf den Weg. „Er hat mir zu unserem Spiel gratuliert und gesagt, dass wir verdient gewonnen hätten“, erzählt Pedro Calles so, als wäre ihm das große Lob des Routiniers fast unangenehm.

Lobhudelei ist Calles’ Sache nicht. Man könnte meinen, er fürchtet sie, weil sie vom Wesentlichen ablenken könnte, und das Wesentliche ist in seinen Augen stets die nächste sportliche Herausforderung. „Wir schauen nicht auf die Siege, die wir geholt haben, sondern auf die Dinge, die wir in diesen Spielen noch besser hätten machen können. Um dies dann im nächsten Spiel umzusetzen“, sagt der 35-Jährige. Intensives Videostudium gehört in Vechta unter Calles zur ständigen Routine. „Es ist wichtig, aus seinen Fehlern zu lernen.“ Dies tut RASTA derzeit besser und schneller als die meisten anderen BBL-Teams. „Natürlich war nicht zu erwarten, dass wir als Aufsteiger so gut performen“, sagt Calles mit einem Unterton, der verrät: Wirklich überrascht bin ich aber auch nicht.

Der Spanier strahlt ein natürliches Selbstvertrauen aus, mit dem er seine Spieler infiziert hat. Die spielen nicht, um nicht zu verlieren, sondern um zu gewinnen. Das Ziel ist dasselbe, die Herangehensweise jedoch eine komplett andere. Angeführt von Top-Scorer Austin Hollins, den man sich in seiner aktuellen Form nur schwerlich noch eine weitere Saison in Vechta und der BBL vorstellen kann, Vorlagen-König TJ Bray (7,1 APG) und Senior-Chef Josh Young (11,6 PPG), belegte der Aufsteiger nach der Hälfte der Saison sogar einen Tabellenplatz, der in der ersten Playoff-Runde Heimvorteil bedeuten würde. Calles: „Als Aufsteiger ist es vermessen, zu sagen: Wir gewinnen unsere Spiele durch unsere Offensive. Aber wir können jedes Spiel durch unsere Defensive beeinflussen. Deshalb ist die Defense für uns der Schlüssel.“

Es mag nicht von Vechta allein abhängen, ob es die Playoffs erreicht, wie Pedro Calles sagt. Im Moment tut RASTA aber jede Menge dafür, auch am Ende der Hauptrunde die Sensation der diesjährigen BBL-Saison zu sein. Das Wort Sensation nimmt RASTA-Chef Stefan Niemeyer nur ungern in den Mund, „aber es macht natürlich eine Menge Spaß, zu sehen, dass ein Rädchen ins andere greift“. Für ihn gehören auf der einen Seite natürlich Coach und Team zu den Erfolgsfaktoren, auf der anderen aber auch die Erfahrungen, die Vechta in seinen beiden bisherigen Erstligajahren gemacht hat, die jeweils unerquicklich mit dem direkten Wiederabstieg endeten. Eine Konsequenz war die Installation eines sportlichen Leiters, der als Bindeglied zwischen Profiteam und Verein fungieren sollte. Zuteil wurde diese Aufgabe Werner Themann, einem Ur-Rastaner. Themann war im Juni 1979 eines der Gründungsmitglieder des selbst ernannten „geilsten Klubs der Welt“. Er ist nah bei der Mannschaft, fängt Stimmungen auf und ist für den Vorstand erster Ansprechpartner von Trainer Calles. Darüber hinaus kümmert sich Themann um den Nachwuchsbereich und die vier hauptamtlichen Jugendtrainer.

Die Strukturen bei RASTA Vechta wachsen, und das Profiteam wächst weiter über sich hinaus: Dem beeindruckenden 85:67 in Bamberg ließen die Calles-Schützlinge ein nicht minder deutliches 112:92 gegen Ludwigsburg folgen; anschließend ging es gegen die beiden Kellerkinder Bremerhaven und MBC. Kaum ein gegnerisches Team scheint derzeit ein Mittel gegen die Niedersachsen zu finden – und was, wenn das bis zum Saisonende so weitergeht? Wäre es nicht schon jetzt eine Enttäuschung, wenn es mit den Playoffs nicht klappen sollte? „Auf gar keinen Fall“, unterstreicht Stefan Niemeyer. „Wir genießen den Moment und sind froh, dass wir mit dem Kampf um den Klassenerhalt nichts zu tun haben.“ Dass sich durch diese Tatsache eine gewisse Laissez-faire-Einstellung im Team einschleichen könnte, fürchtet der Klub-Boss nicht: „Dafür sind alle viel zu heiß auf Siege. Selbst im Training geht es so intensiv zur Sache wie in einem Ligaspiel. Ludwigsburgs Headcoach, John Patrick, hat nach unserem Spiel gesagt, dass wir selbst dann nicht aufhören zu marschieren, wenn wir 15 oder 20 Punkte vorn liegen. Damit hat er recht, und es zeigt die Mentalität dieser Mannschaft!“ Eine Mentalität, die den Aufsteiger am Ende der regulären Saison unter die besten acht Mannschaften der BBL bringen könnte – und dies wäre dann wirklich eine Sensation.


Text: Jan Finken


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