04
Dez

BIG-Appetizer: Tuomas und Joonas Iisalo

Auf unserer Website präsentieren wir Euch monatlich einen BIG-Appetizer aus einer vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat haben wir die Story über Tuomas und Joonas Iisalo aus BIG #91 für euch.

Starker Start dank gutem Finnisch

Tuomas und Joonas Iisalo sind ein ganz besonderes Coaching-Duo. Die Brüder aus Finnland haben von Kind auf eine enge Beziehung gehabt, in der Basketball meistens die Hauptrolle spielte. Nun sind sie dabei, die HAKRO MERLINS CRAILSHEIM zur besten Saison der Vereinsgeschichte zu führen

Es war im Frühjahr 1993, als Tuomas Iisalo von seinem Arzt die Hiobsbotschaft überbracht bekam. Aufgrund eines Patellaspitzensyndroms konnte sich der damals elfjährige Junge plötzlich nur noch eingeschränkt bewegen. Dabei liebte er Sport. Nahezu jede Disziplin hatte für ihn einen besonderen Reiz, natürlich auch Basketball. Zweimal in der Woche stand er damals mindestens auf dem Parkett, in der finnischen 8000-Einwohner-Gemeinde Loviisa, zusammen mit Freunden und Klassenkameraden. Aber nun war er zum Zuschauen verdammt: Die Ärzte verordneten ihm sechs Monate Pause. Eine Zeit, die Iisalo aufgrund seines Bewegungsdrangs wie eine Ewigkeit vorkam. Und in der er merkte, wie wichtig ihm die Sportart Basketball inzwischen geworden war.

Um ihn aufzumuntern, zeichnete seine Großmutter ihm die Spiele der NBA-Finals 1993 auf, die in Finnland damals vom Spartensender Eurosport übertragen wurden. So konnte der basketballbegeisterte Junge immerhin das Duell zwischen Michael Jordans Chicago Bulls und Charles Barkleys Phoenix Suns auf VHS-Tapes verfolgen, wenn er sich schon nicht selbst auf dem Platz verausgaben konnte. Und auch nachdem die Serie bereits beendet war, schaute er sich die Videos zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Joonas immer wieder an. „Obwohl ich mich über sechs Monate kaum bewegen konnte, war ich danach ein deutlich besserer Spieler. Vielleicht hatte das tatsächlich etwas damit zu tun, dass wir diese Videos ganz genau studiert haben“, erinnert sich Tuomas Iisalo im Gespräch mit BIG. „Als ich wieder mit dem Basketball begonnen habe, war mein Bruder immer mit dabei. Obwohl er vier Jahre jünger war, hatten wir den gleichen Freundeskreis. Meine besten Freunde waren auch seine besten Freunde.“

Entsprechend viel Zeit verbrachte das Brüderpaar Iisalo in jungen Jahren zusammen. Allerdings hatte es auch Glück. Denn obwohl Loviisa zu diesem Zeitpunkt nur 8000 Einwohner hatte, stand den beiden nach der Schule regelmäßig eine Halle zur Verfügung, in der sie an ihren Fähigkeiten feilen konnten. Und diese Möglichkeiten nutzten sie, sooft es ging, weshalb sie nicht nur am Training der Jugendmannschaft, sondern auch an den Work-outs der Männer- und Frauen-Teams teilnahmen. Dass die ehrgeizigen Jungen nach der Schule vier bis sechs Stunden am Tag in der Halle verbrachten, war deshalb keine Seltenheit. „In dieser Zeit sind wir mit dem Basketballvirus infiziert worden“, blickt Tuomas Iisalo zurück. „Mein Großvater hat deshalb auch versucht, uns weiter mit VHS-Tapes aus der NBA zu versorgen, was zu dieser Zeit noch viel komplizierter war als heute. Mit dem Analysieren der Spiele haben wir dann zu Hause viel Zeit verbracht.“

Auch deshalb wollte sich Tuomas Iisalo schon früh als Trainer versuchen – wozu er im Alter von 13 Jahren bereits die Gelegenheit bekam. Doch er coachte nicht irgendeine Mannschaft, sondern das U9-Team, in dem auch sein Bruder Joonas spielte. „Durch unsere gemeinsame Leidenschaft hatten wir eine sehr enge Bindung“, sagt Tuomas Iisalo. „Wir haben einfach sehr viel miteinander erlebt.“ Ausschließlich harmonisch ging es bei den basketballfanatischen Brüdern allerdings nicht zu. Ganz im Gegenteil: Joonas Iisalo forderte seinen älteren Bruder immer wieder heraus. Er war ehrgeizig, wollte unbedingt zeigen, dass er mit Tuomas mithalten kann. Und weil er in der Jugend bereits ein sehr guter Spieler war, ist ihm das trotz des verhältnismäßig großen Altersunterschieds das eine oder andere Mal gelungen. Tatsächlich entwickelte sich phasenweise sogar eine Rivalität zwischen den beiden. Denn als sie gemeinsam für den finnischen Verein Kouvolan Kouvot aufliefen, wurden im Training spezielle Regeln aufgestellt, um Handgreiflichkeiten zu vermeiden. „Wir mussten immer in unterschiedlichen Teams spielen und durften uns nicht gegenseitig verteidigen“, sagt Tuomas Iisalo, der sich bei diesem Gedanken ein Lachen nicht verkneifen kann. „Zwischen uns kam es deswegen zuvor schon öfter zu körperlichen Auseinandersetzungen, was damit zu tun hatte, dass wir beide ein gewisses Temperament haben und sehr ehrgeizige Personen sind.“

Eigenschaften eben, die es den Iisalo-Brüdern ermöglichten, im Basketball Karriere zu machen. Joonas Iisalo wurde aufgrund seiner Scoring-Fähigkeiten bereits als Jugendspieler landesweit bekannt, weshalb sich mit der Honka Academy eines der besten Basketball-Nachwuchsprogramme Finnlands für ihn interessierte. Kurze Zeit später lief er bereits für diverse Jugend-Nationalmannschaften auf, ehe er in der Saison 2002/2003 als 16-Jähriger bei Kouvolan Kouvot sein Erstligadebüt feierte. In der zweiten Mannschaft des Teams kam er im Jahr darauf dann sogar auf solide 10,9 Punkte pro Partie. Doch eine größere Rolle bei einem Erstligateam wurde ihm trotz guter Leistungen in jungen Jahren nicht in Aussicht gestellt.

„Dadurch hat Joonas bereits früh das Interesse verloren, selbst zu spielen“, erklärt Tuomas Iisalo. „Stattdessen konzentrierte er sich komplett auf das Coaching und erwarb schnellstmöglich die nötigen Trainer-Qualifikationen.“ Im Laufe der Jahre war Joonas Iisalo zunächst Nachwuchstrainer, dann Kraft- und Konditionscoach im besten Nachwuchsprogramm Finnlands und seit 2016 schließlich als Headcoach des finnischen Erstligisten Vilpas Vikings tätig. Dort führte der 33-Jährige sein Team zweimal auf Rang zwei und gewann in der vergangenen Saison sogar den finnischen Pokal. „Dadurch, dass Joonas schon sehr früh aufgehört hat, selbst zu spielen, verfügt er als Coach bereits über eine Erfahrung von 14 Jahren“, sagt Tuomas Iisalo über seinen Bruder.

Er selbst versuchte sich hingegen länger als Aktiver. Und das sogar mit großem Erfolg. In seinem Heimatland lief er von 2000 bis 2014 für drei verschiedene Erstligisten auf. Mehr noch: An der Seite aktueller BBL-Größen wie Shawn Huff oder Petteri Koponen nahm er für Finnland an den Europameisterschaften 2009 und 2011 teil. „Den Durchbruch in der finnischen 1. Liga habe ich eigentlich erst als 25-Jähriger geschafft“, sagt Tuomas Iisalo. „Wenig später ist mir auch der Sprung ins Nationalteam gelungen. Allerdings war ich eher ein Rotationsspieler an Position zehn bis 14. Das war okay. Ich habe das Maximum aus meiner Karriere herausgeholt und bereue nichts.“ Auch der Schritt, als 31-Jähriger seinen Vertrag bei Tapiolan Honka nicht zu verlängern und das Team stattdessen direkt als Headcoach zu betreuen, sei richtig gewesen. Gut darauf vorbereitet war Tuomas Iisalo ebenfalls. Immerhin hatte er während der letzten beiden Jahre seiner aktiven Karriere bereits Erfahrung als Players-, Kraft- und Koordinationstrainer gesammelt.

Über eine riesige Erfahrung als Cheftrainer oder gar eine große Titelsammlung verfügte Tuomas Iisalo im März 2016 allerdings nicht, als die HAKRO Merlins Crailsheim ihn zehn Spieltage vor Saisonende als neuen Headcoach präsentierten. Trotzdem gaben sie dem damals 33-Jährigen eine Chance. „Wir haben europaweit nach Trainern gesucht, deren Profil zu uns passt. Tuomas hat direkt großes Interesse gezeigt“, erklärt der in Finnland gut vernetzte Merlins-Geschäftsführer Martin Romig im BIG-Gespräch. 48 Stunden später leitete Tuomas Iisalo bereits das Training der Merlins. „Tuomas wollte diese Chance damals unbedingt nutzen. Seine Galligkeit und seine Geilheit auf den Job haben uns beeindruckt.“

Besonders erfolgreich agierte der neue Crailsheimer Coach zunächst jedoch nicht: Die ersten zehn Spiele nach seinem Amtsantritt gingen verloren, er konnte den Abstieg in die ProA nicht verhindern. Die Zusammenarbeit zwischen den Merlins und Iisalo wurde dennoch fortgesetzt – was die Verantwortlichen bis heute nicht bereut haben. Immerhin gelang den Crailsheimern im Sommer 2018 die Rückkehr in die Erste Liga und in der vergangenen Saison erstmals in der Vereinsgeschichte der auf dem Parkett erkämpfte BBL-Klassenerhalt.

Dennoch gab es in der vergangenen Offseason eine Änderung: Für den abgewanderten Assistant Coach Vesa Vertio musste ein Ersatz gefunden werden. Und auch diesbezüglich ging der Verein ungewöhnliche Wege. Denn Tuomas Iisalo hatte den Verantwortlichen vorgeschlagen, seinen Bruder Joonas als neuen Co-Trainer zu verpflichten. „Wir haben 24 Stunden darüber nachgedacht und ihm dann zugestimmt“, erklärt Romig. „Denn wir wollten, dass er wie bei Vesa Vertio wieder einen Vertrauensmann an der Seite hat, auf den er sich blind verlassen kann. Und das ist bei Joonas zu 100 Prozent der Fall.“

Zudem seien die Brüder unterschiedliche Typen, wie aus Mannschaftskreisen zu hören ist. „Tuomas ist eher der Analytiker, während Joonas einen emotionalen Aspekt mit hineinbringt“, sagt Romig, während Fabian Bleck im BIG-Gespräch ergänzt: „Sie haben beide hochklassig gespielt, sind nur auf Basketball fixiert und besitzen deshalb ein sehr hohes Verständnis für diese Sportart. Wenn der eine im Training etwas vergisst, ist der andere zur Stelle und weist noch darauf hin. Zudem herrscht bei uns in jeder Einheit eine sehr hohe Intensität.“

Entsprechend gut sind die Merlins in die Saison gestartet: Erstmals in der Vereinsgeschichte .gab es zum Auftakt vier Siege in Folge. Den Telekom Baskets Bonn bescherten sie mit ihrem uneigennützigen Spiel beim 114:82 sogar die höchste Heimniederlage der Klubhistorie. Werden sie deshalb nun zur Überraschungsmannschaft der Saison? Die Verantwortlichen wollen davon noch nichts wissen. Das außergewöhnliche Coaching-Duo der Crailsheimer aus dem hohen Norden hätte allerdings nichts dagegen, wenn nach dem guten Saisonstart bald auch noch ein starkes Finish dazukommt.


Text: Alexander Büge


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