19
Aug

BIG-Appetizer: Interview mit Boris Schmidt

Auf unserer Website präsentieren wir euch monatlich einen BIG-Appetizer aus der vorangegangenen Ausgabe. Diesen Monat zeigen wir euch das Interview mit Boris Schmidt aus der BIG #21.

Schiri-Legende BORIS SCHMIDT spricht in BIG über genervte Manager, die Qualität deutscher Referees und Fehlentscheidungen, die Spiele kosten.

Herr Schmidt, wir zitieren Albas Manager Marco Baldi nach dem zweiten Playoff-Match Alba gegen die Bayern: „Ich empfinde den Beginn des Spiels als eine Schande für den deutschen Basketball. Wir hatten 21 Freiwürfe weniger als Bayern. Und das gegen die aggressivste Verteidigung der Liga. Dass ein Klub, der noch nichts im Basketball geleistet hat, so einen Status hat!“ Sie haben das Spiel mit Ihrem Gespann gepfiffen. War Ihre Leistung eine Schande?

Zunächst muss ich sagen, ich höre dieses Zitat zum ersten Mal. Ich lese ja nicht ständig die Printmedien in Städten, in denen ich gepfiffen habe. Grundsätzlich vertreten Präsidenten und Manager, nicht nur im Basketball, eigene Interessen und sehen Spiele mitunter anders als Schiedsrichter. Insofern kann ich das einordnen.

Das klingt milde.

Wir haben das gesamte Spiel per Video analysiert. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob die Foulverteilung nach dem ersten Viertel 7-2 statt 8-1 hätte aussehen können – aber anders eben auch nicht. Es war ein Foul der Bayern dabei, das nicht geahndet wurde. Ansonsten ist den Regeln entsprechend entschieden worden.

Warum sah Baldi das anders?

Solche Äußerungen werden mitunter aus einer Emotionalität getätigt, erst recht, wenn ein Spiel nicht gewonnen wurde. Wir haben uns vor der Partie das erste Spiel der Serie angesehen. Klar ist, dass Alba im zweiten Spiel viel aggressiver gespielt hat. Wer aggressiv verteidigt, geht automatisch ein höheres Risiko, Foul-Pfiffe zu bekommen. So kam die Verteilung im ersten Viertel zustande. Aber daraus zu konstruieren, dass die Bayern bevorzugt werden, ist verkehrt. Die Bayern haben keinen Bonus. Sie haben aber auch keinen Malus. Falsche Entscheidungen gab es auf beiden Seiten. Und die Kommunikation mit Alba-Coach Sasa Obradovic war okay – wenngleich er ein technisches Foul bekommen hat.

Was denken Sie dann über Baldis Kommentar?

Ich habe kein Problem mit Marco Baldi. Am persönlichen Umgang mit ihm habe ich nichts auszusetzen, das ist absolut in Ordnung. Ich denke, im Kabinengang hätten wir das sicher anders ausdiskutiert. Ansonsten nehme ich seine Meinung zur Kenntnis. Für mich persönlich gilt: Ich habe zu solchen Kommentaren eine professionelle Einstellung. Sie gehören zum Geschäft dazu. Es ist normal, dass ein Manager etwas überspitzt formuliert. Sachlich kann ich seinen Ansatz indes nicht teilen.

Genauer?

Muss es das Ziel der Schiedsrichter sein, am Ende eines Spiels identisch viele Freiwürfe und Fouls auf beiden Seiten verteilt zu haben? Nein. Es geht darum, eine Linie zu finden und sie zu vertreten. Das haben wir gemacht. Das technische Foul gegen Djedovic zum Beispiel könnte als Lehrbeispiel für Flopping dienen.

Was halten Sie vom Videobeweis?

Im Moment: nichts. Es müssten in allen 18 Hallen identische technische Voraussetzungen geschaffen werden. Wir können nicht sagen, in dieser Halle nutzen wir die Technik mal, weil es sie gibt, und in der nächsten nicht. Das funktioniert nicht.

Beim Spiel Bamberg gegen Hagen hätte er geholfen. Da wurden drei Hagener disqualifiziert, aber kein Bamberger. Im Anschluss räumte der Sportliche Leiter der Beko BBL ein, es habe sich um eine  Fehlentscheidung gehandelt.

Richtig. Es geht auch nicht darum, dass Fehler passieren. Natürlich werden Fehler gemacht. Als Schiedsrichter müssen in einem extrem schnellen, anspruchsvollen Spiel 100 und mehr Entscheidungen getroffen werden. 90 Prozent der Entscheidungen sind richtig, mindestens.

Trotzdem gibt es immer wieder Kritik, die Großen würden Vorteile genießen.

Das sehe ich anders. Schiedsrichter sind unparteiisch. Sie werden nie bewusst eine falsche Entscheidung treffen.

Und unterbewusst?

Keiner kann ins Unterbewusstsein schauen, sonst wäre es ja keins. Aber die Schiedsrichter müssen in einem Bruchteil von Sekunden entscheiden. Das würde übrigens auch für Profi-Schiedsrichter gelten. Der Großteil der Spiele geht absolut souverän über die Bühne. Da von einem Schiri-Problem zu sprechen, rückt die Schiris nicht ins richtige Licht. Es gibt kein Problem.

Woher nehmen Sie diese Erkenntnis?

Das ist die Realität. Das Standing deutscher Schiedsrichter in Europa ist so gut wie nie, unser Ansehen hat sich erheblich verbessert. Kollegen wie Robert Lottermoser werden geachtet. Das Eurocup-Finale hat er geleitet, beim Euroleague-Final-Four stand er im Kader. Bei Lehrgängen fragen Spanier, Franzosen und Italiener nach, woher wir so viele gute Schiedsrichter bekommen. Deutsche Schiedsrichter sind so präsent wie nie. Aber in Deutschland selbst gibt es ein Problem? Das passt doch nicht zusammen.

Woher kommt das schiefe Bild?

Ich denke, es wird zu wenig kommuniziert, dass unsere Schiedsrichter sehr gut sind ...

Oder die Wahrnehmung ist anders.

Und das ist schade. Der deutsche Basketball hat die Ausbildung und Betreuung der Schiedsrichter stark nach vorne gebracht. Und auch der Druck auf die Schiedsrichter ist groß. Schließlich werden auch wir einer Leistungsbewertung unterzogen. Genügen unsere Leistungen den hohen Ansprüchen nicht, kann es zu Sanktionen kommen.

Wurden Sie in dieser Saison sanktioniert?

Nein.

Und davor?

Natürlich. Es gibt keinen Schiedsrichter, dem nicht auch mal ein schwerer Fehler unterläuft.

Nehmen Sie sich Baldis Kritik zu Herzen?

Ich fühle mich nicht angegriffen. Ich nehme mir zu Herzen, wenn ich nach dem Spiel reflektiere und in einer Analyse feststelle, dass ich durch meine Entscheidungen das Spiel entschieden habe.

Ist das in dieser Saison mal passiert?

Nein. Mir fallen auch nur wenige Spiele ein, in denen das vorkam.

Nennen Sie eins.

Mein Gespann hat mal ein Spiel zugunsten Albas entschieden. Es war eine Partie in Berlin gegen Braunschweig mit dem Trainer Mutapcic auf Braunschweiger Seite. Ich glaube, es stand unentschieden. Sekunden vor Schluss pfiffen wir nach einem verworfenen Freiwurf ein Foul beim Rebound, das keins war. Alba gewann an der Linie.

Das ist lange her.

Ja, und es passiert so selten. Gleichwohl geschehen Fehler. Wir sind alle Menschen.

Marco Baldi schrie im ersten Viertel der Partie Alba gegen Bayern auf Sie und Ihre Kollegen ein.

Akustisch habe ich das nicht wahrgenommen. Dafür ist es ja viel zu laut ...

Er fuchtelte auch wie wild an der Bande.

Das blendet man aus. Ich muss die Spieler auf dem Feld, die Trainer und die Bänke beobachten; ich muss sehr viel machen, da nimmst du so was nicht mehr wahr.

Es gibt den Vorwurf, dass junge deutsche Spieler bei den Schiedsrichtern keine Lobby hätten und früher Pfiffe bekommen als andere. Gerechtfertigt?

Nein. Ich habe auch ein Problem mit dem Begriff „junge deutsche Spieler“. Welcher Klub holt denn einen jungen Amerikaner? Die jungen Spieler sind fast alle Deutsche. Sie müssen sich an die Geschwindigkeit des Spiels gewöhnen, ihnen fehlt Erfahrung. Ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten sind noch nicht so da, deshalb foulen sie vielleicht auch offensichtlicher. Soll ich ein plumpes Foul laufen lassen, weil es sich um einen jungen deutschen Spieler handelt? Aber ein Per Günther bekommt keine Fouls gepfiffen, die ein Amerikaner nicht auch bekommen würde.

Wird in der BBL nicht generell zu schnell gepfiffen? Im Euroleague-Finale durften beide Teams physisch spielen. Es entwickelte sich eine begeisternde Auseinandersetzung.

Ich erinnere mich an das Pokal-Halbfinale Ulm gegen Bamberg vor einem Jahr. Da ging es auch zur Sache. Weil zwei ähnliche Spielstile aufeinandertrafen. Dann kann so was gelingen. Aber wenn zwei total unterschiedliche Stile aufeinandertreffen, muss Chancengleichheit gewahrt bleiben. Das passiert in der Beko BBL sehr oft. Das ist die hohe Kunst, dann den richtigen Weg zu finden. Gute Spieler erkennen dann auch schnell, wo die Grenze heute verläuft. Sie kann in der kommenden Woche wieder anders verlaufen. Aber natürlich will niemand eine hohe Anzahl von Fouls sehen.

Sie selbst sind oft Reizfigur in der Halle. Warum eigentlich?

Mir ist bewusst, dass ich stark polarisiere. Das liegt schon an der Körpergröße. Ich bin die kleinste Person auf dem Feld, da heißt es, der kann eh nix als Basketballer. Und es liegt nahe, zu sagen, ich müsse mich in den Vordergrund spielen.

Und, müssen Sie das?

Nein. Ich denke, das wird verwechselt. Ich bin jemand, der Verantwortung wahrnimmt, und ich nehme meine Aufgabe als Unparteiischer ernst. Chris Fleming hat mal auf die Frage geantwortet, ob er seine Spieler auf die Schiedsrichter vorbereite: „Nein ... Moment, doch. Wenn Boris Schmidt pfeift, sage ich: Haltet bloß die Klappe.“ Dieses Image, schnell mit dem „T“ dabei zu sein, habe ich halt. Obwohl es in den vergangenen Jahren gar nicht mehr so ist. Aber ich denke schon, dass die Hemmschwelle, bei mir Unmut zu äußern, ziemlich hoch ist. Das hilft mir, meinen Job zu erledigen.

Einen gewissen Kult wird Ihnen niemand absprechen.

Früher bin ich zumindest mehr ausgepfiffen worden als heute.

Was denken Sie, wenn Sie sich selbst auf Video sehen?

Ich bin nicht unzufrieden. Ich denke, durch mein Auftreten oder meine Körpersprache werde ich nicht zur Reizfigur. Ich weiß, dass ich nicht frei davon bin, falsche Entscheidungen zu treffen. Aber ich weiß auch, dass es nie bewusste Fehler sind.

Sie sind 50. Vor drei Jahren fiel die Altersgrenze. Wie lange machen Sie weiter?

Ich schaue von Jahr zu Jahr. Gesundheitlich passt das noch alles. Aber ich merke mit 50 natürlich, dass die Tests wesentlich aufwendiger zu bestehen sind als mit 30.

Dann dürften Sie Marco Baldi noch öfter über den Weg laufen. Was sagen Sie ihm, wenn Sie ihn beim nächsten Mal sehen?

(lacht) Ich werde ihn wie immer freundlich begrüßen. Ich halte viel von ihm.


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