Drucken
24
Jan

Warum Kostja Mushidi der NBA so nah ist wie nie zuvor


BIG-Kommentar von Daniel George

Das Cover der neuen BIG-Ausgabe musste „korrigiert“ werden. Zumindest in den Augen von „Der Stamm“. Also posteten die Macher des Streetball-Teams auf Instagram ein Foto des Hefts. Einziger Unterschied zum Original war der Titel: „Letzte Ausfahrt NBA“ anstatt „Letzte Ausfahrt Weißenfels“. Darunter stand eindringlich in Großbuchstaben geschrieben: „WRITE YOUR OWN STORY!“  

Adressat dieser Botschaft: Kostja Mushidi, das Gesicht auf dem Cover. Die Bedeutung klar: Der 23-Jährige soll weiter an seinen großen Traum glauben – egal, was andere sagen. Nach dem unrühmlichen Ende in Braunschweig und fast einem Jahr ohne Verein spielt Mushidi seit Dezember wieder in der BBL, überzeugt bislang beim SYNTAINICS MBC – und ist der NBA gerade wohl so nah wie nie zuvor.

Von „fast allen“ abgeschrieben

Steile These? Vielleicht. Schließlich war der Guard noch im April 2017 bester Scorer beim Nike Hoop Summit. Gar nicht so lang her. Die NBA schien nur auf ihn zu warten. Chicago? Los Angeles? Boston? Mushidi war kurz davor, in solchen Städten zu spielen.

Und nun? Knapp fünf Jahre später sitzt er zum Interview mit BIG in der Stadthalle Weißenfels, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Er spielt in der BBL und nicht der NBA – und zwar bei einem Abstiegskandidaten. Selbst das ist eine Riesen-Chance, denn Mushidi sagt: „Ich wusste nicht, ob ich in der BBL überhaupt noch mal eine Chance bekomme. Sehr viele Leute haben mich abgeschrieben, fast alle.“

Ist der 23-Jährige nicht also eher so weit entfernt von der NBA, wie es nur geht? Nein! Zumindest, wenn es nach seinen Ausführungen im BIG-Gespräch geht. Die lassen nämlich den Schluss zu, dass sich seine Denkweisen zum ersten Mal in seiner Laufbahn ernsthaft verändert haben, dass sein Umfeld ihm so viel Kraft gibt wie nie zuvor. Sportlich mögen damals nur noch wenige Schritte zum Sprung in die NBA gefehlt haben. Doch das war anscheinend viel Schein. Denn mental, das sagt er rückblickend selbst, war er nicht bereit. Heute ist das offensichtlich anders – und Mushidi fest entschlossen, noch einmal anzugreifen.

Weißenfels, genau der richtige Ort

Er gibt sich glaubhaft geläutert, reflektiert, spricht ziemlich sicher so offen wie nie zuvor in der Öffentlichkeit über die vergangenen Jahre. Zum Beispiel, wenn er im Blick zurück auf die Zeit nach dem Hoop Summit sagt: „Dort dann auch noch 14 Punkte zu machen, hat mich arrogant werden lassen. Ich dachte, ich wäre unverwundbar. Ich dachte, niemand kann mir was.“

Oder, wenn er über seine Fehler spricht: kaum Schlaf, schlechte Ernährung, andauernd im Nachtleben unterwegs – während seiner Zeit in Belgrad verlor sich Mushidi im Hype. Obwohl die NBA zu dieser Zeit noch immer so nah erschien, weiß er heute: „Mit dem Verhalten, dass ich damals an den Tag gelegt habe, hätte ich nicht mal in der ProB spielen können.“

Mushidi spricht von falschen Freunden, angezogen durch die Aussicht auf Millionenverträge. Heute gibt sein Umfeld ihm Halt. „Der Stamm“ hat ihm geholfen, sein Selbstbewusstsein wieder zu finden – und die Liebe zum Spiel. Die war zwar nie weg, aber wurde beim 3x3 doch neu entflammt. Den Gründer von „Der Stamm“, Dia Soliman bezeichnet Mushidi als den Mentor, „den ich schon lange gebracht hätte.“

Und auch beim Syntainics MBC gibt es eine Vertrauensperson: Geschäftsführer Martin Geissler. „So jemand hat mir in den vergangenen Jahren gefehlt“, sagt Mushidi. „Eine vertraute Person im Verein, der ich mein Herz ausschütten kann.“ Bei einem Klub, fernab des großen Scheinwerferlichts, in einer Stadt ohne Ablenkungen – genau der richtige Ort, um sich ausschließlich auf Basketball zu konzentrieren, um den Fokus zu behalten.

Ehrlich und entschlossen

2017, als der Hype unermesslich schien, war Mushidi offenbar mental noch nicht bereit für die NBA. Auch danach in Belgrad nicht. Dann nahm er die schlechten Gewohnheiten mit nach Braunschweig – und leistete sich wieder Fehler. Nach seinem dortigen Rausschmiss aus disziplinarischen Gründen vor zwei Jahren stand das einstige Super-Talent plötzlich in einem Lagerhaus und räumte Kisten ein. So knapp war das Geld. „Da hat es klick gemacht“, sagt er heute. „Da war ich in der Realität.“

Kostja Mushidi hat Fehler gemacht. Und zwar nicht nur einen. Er bekam zweite Chancen und ließ sie ungenutzt. Das weiß er selbst. Lange hat er damit zu kämpfen gehabt. „Wenn die Erwartungen so hoch sind, du sie aber nicht erfüllen kannst, ist das schwer für den Kopf“, sagt er. „Das habe ich jeden Tag mit mir herumgetragen.“ Doch inzwischen ist er nicht mehr zu stolz, sich Hilfe zu holen. Ein Mental-Trainer unterstützt ihn auf seinem Weg.

Ist es also gut, dass Mushidi auf die Frage, wo er sich in vier Jahre sieht, antwortet: „In der NBA. Oder bei einem Top-Verein in Europa, der EuroLeague spielt.“ Erzeugt das nicht erneut denselben Druck wie damals? Wäre es nicht besser, erst einmal nur davon zu sprechen, sich in der Bundesliga etablieren zu wollen? Vielleicht, zumindest in den Augen  mancher PR-Experten. Ehrlich aber wäre das nicht. Und genau diese Ehrlichkeit braucht der deutsche Basketball doch!

Ein Traum als Antrieb

Seine Probleme hat Kostja Mushidi offenbar hinter sich gelassen. Sein BBL-Comeback wurden von zahlreichen ehemaligen Weggefährten gefeiert. Denn Mushidi ist ein Typ, der seine Teams immer als Familie angesehen hat, wie er sagt. Ein junger Mann mit einem Traum. Ein Traum, der sein Antrieb ist und ihn nach den Fehlern der Vergangenheit jetzt jeden Tag auf der rechten Bahn bleiben lässt – so sollten es zumindest alle hoffen, denen der deutsche Basketball am Herzen liegt.

Denn die Geschichte von Kostja Mushidi ist auch eine Geschichte darüber, wie wir mit unseren Talenten umgehen, wenn sie Fehler machen. Meine Meinung: Wir sollten ihm nur das Beste wünschen und ihn in Ruhe arbeiten lassen. Er hat es jetzt wieder selbst in der Hand, seine eigene Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Und dann irgendwann: letzte Ausfahrt NBA? Ich würde es Kostja Mushidi wünschen. Er wird hart dafür arbeiten und diszipliniert bleiben müssen. Schritt für Schritt gehen müssen, trotz des großen Fernziels im Kopf. Fest steht nach dem Gespräch mit ihm für mich aber: Wenn sich noch einmal die Chance auf die NBA ergibt, wird er sie diesmal nutzen.

Teilen
Ihren XING-Kontakten zeigen